Deutscher Gewerkschaftsbund

06.09.2018
Kongress für betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz

Bei der Arbeit gesund bleiben

DGB Regionsgeschäftsführer Hanisch fordert gemeinsame Anstregungen der Prävention

Die Herausfoderungen der agilen Arbeit, die Probleme aber auch die erprobten und gelungenden Lösungsansätze waren Thema des niedersächsischen betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzkongresses im P.S.-Speicher Einbeck am 5.September 2018. Der beim Landesministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung verankerte Landesarbeitskreis für Arbeitssicherheit tagte mit Vertreter_innen aus Wissenschaft, Betrieben, Unternehmen und Gewerkschaften. Das Programm in vier Arbeitspenels bot einen breiten und teils vertieften Überblick zur derzeitigen Situation.

Schaubild

Auf einen "starken Rücken" und entlastete Psyche kommt es an BARMER-Daten2017

DGB-Regionsgeschäftsführer Lothar Hanisch forderte in seinem Grußwort auf, "Gute Arbeit" gesund zu gestalten und die psychosozialen Faktoren der Arbeitsentgrenzung als Problem in den Vordergrund zu rücken.

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Reimann,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Engagement aller betrieblichen und überbetrieblichen Akteure für den Arbeits- und Gesundheitsschutz sollte auf ein zentrales Ziel ausgerichtet sein: Es geht um die Würde der Menschen in der Arbeitswelt und um unsere Gesundheit. Gute Arbeit und humane Arbeitsbedingungen sind machbar und letztendlich ein Auftrag an uns alle.

Nichts ist beständiger als der Wandel. Das zeigt sich besonders im digitalen und technologischen Wandel in der Arbeitswelt und an den Herausforderungen in den Betrieben, die damit einhergehen. Umso wichtiger ist es, den Fokus auf die Krankheitsarten mit den meisten Arbeitsunfähigkeitstagen zu legen.

Gute Arbeit und humane Arbeitsbedingungen sind machbar und letztendlich ein Auftrag an uns alle.

Mit über 125 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen lagen die Muskel-Skelett-Erkrankungen mit einem Anteil von ca. 22 % im Jahr 2017 in Deutschland deutlich an erster Stelle. In den Betrieben ist Lean Produktion und Lean Office schon fast Normalität geworden. Dabei wird vor allem die Verschwendung in den Blick genommen. Dann sollte in den Betrieben auch bei Muskel-Skelett-Erkrankungen die ergonomische Verschwendung betrachtet werden.

Falsche Körperhaltung durch nicht angepasste Arbeitsplatzhöhe, ungeeignete und ungünstig angeordnete Arbeitsmittel oder statische Körperhaltungen sind nicht akzeptabel. Viele Menschen glauben, dass vor allem körperlich anstrengende Berufe, in denen schwere Lasten gehoben und getragen werden - beispielsweise in der Gießerei, bei einem Automobilzulieferer oder in der Logistik - zwangsläufig Beschwerden in Muskeln, Gelenken und in der Wirbelsäule verursachen. Das kann sein, muss aber nicht. Menschen, die acht Stunden ohne Ausgleich am Schreibtisch sitzen, tragen ein ebenso hohes Risiko eine Muskel-Skelett-Erkrankung zu bekommen.

Es wird Zeit den Finger in eine weitere Wunde in der Arbeitswelt zu legen.

Die Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen liegt mit einem Anteil von 19 % an zweiter Stelle der Krankheitsarten. Wir alle kennen Sätze wie: “Unsere Beschäftigten können überall digital arbeiten: im Schwimmbad, Zuhause, im Biergarten“. Dies aber in Einklang zu bringen mit guter Ergonomie am Arbeitsplatz oder die Trennung von Arbeit und einem privaten Leben ist so nicht gegeben.

Für 70 % aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gibt es mittlerweile keine Grenzziehung mehr zwischen Arbeit und Privatleben. Mobiles Arbeiten mit Laptop, Smartphones oder Tablet von zuhause und unterwegs ist für viele zum Normalfall geworden. Dazu gehört auch die Vorstellung von einigen Arbeitgebern zu glauben, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ständig erreichbar sein müssen, auch nach Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub und dass diese auf E-Mails innerhalb kurzer Zeit antworten müssen.

Geregelte Arbeitszeit, das Einhalten von Pausen und Erholungszeiten sind für viele Beschäftigte eher die Ausnahme statt die Regel. Es braucht eine verantwortungsvolle Personalplanung, damit vermieden wird, dass Beschäftigte ständig an der Grenze ihres Leistungsvermögens arbeiten und viele Überstunden machen müssen. Dazu gehört auch ein bewusster Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln - wie zum Beispiel ein Verzicht auf E-Mails nach Feierabend – das verringert den Druck bei den Mitarbeitern enorm.

Die Schaffung einer ausgewogenen Work-Life-Balance (Steht für einen Zustand, in dem Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang stehen. Die Begriffsbildung Work-Life-Balance stammt aus dem Englischen: Arbeit (work), Leben (life), Gleichgewicht (balance)) ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Gesundheit der Mitarbeiter langfristig gesichert wird.

Im Sinne eines präventiven Gesundheitsschutzes bin ich fest davon überzeugt, dass wir in der Freizeit ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit verankern müssen. Wir müssen wieder klare Trennlinien zwischen Arbeit und Privatleben herstellen, auch bei der mobilen Arbeit.

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, Eine Gefährdungsbeurteilung muss die körperlichen und die psychischen Faktoren der Belastungen an den Arbeitsplätzen nachhaltig und präventiv ermitteln.

Denn für das Entstehen von Muskel-Skelett-Erkrankungen sind auch psycho-soziale Arbeitsbelastungen „einer der relevanten Faktoren“. Zur Beurteilung der psychischen Belastungen fehlen derzeit für viele Faktoren spezifische rechtliche Festsetzungen. Wir Gewerkschaften halten an unserer Forderung nach einer Verordnung zum Schutz vor Gefährdungen durch psychische Belastungen bei der Arbeit fest.

Früher haben wir die „Humanisierung der Arbeit“ eingefordert. Heute findet sich hinter dem Begriff der „Guten Arbeit“ auch die Forderung Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass junge und ältere Beschäftigte, ohne Gesundheitsprobleme zu bekommen, ihre Arbeit bewältigen können.

Ich denke und hoffe, dass wir alle gemeinsam an dem Ziel, Gute Arbeit und humane Arbeitsbedingungen zu schaffen, weiter arbeiten sollen und werden.


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