Deutscher Gewerkschaftsbund

19.04.2018
DGB Kreisverband Göttingen eröffnet Ausstellung Spies

„Arbeitszeit ist Lebenszeit in unserer Hand!“

Diskussion zur Aktualität von Arbeitszeitkämpfen in der Geschichte des 1. Mai

Überstunden, Flexibilität und Leistungsdruck – ständig sind wir von diesen Anforderungen umgeben. Arbeitgeber_innen verlangen viel von uns, doch wo bleiben eigentlich unsere Bedürfnisse? Ein unbefristeter Job? Zeit für Freunde und Familie? Planungssicherheit oder einfach mal wieder ein Buch lesen? Eine Vereinbarkeit von Leben und Arbeiten - wer wünscht sich diese nicht?

Die Geschichte des 1.Mai ist untrennbar verbunden mit der Forderung nach dem 8-Stunden-Tag. Damals kämpften Menschen wie August Spies um die Selbstbestimmung, doch wie steht es um diese in Zeiten von Arbeit 4.0? Viele haben Sorge durch die digitale Automatisierung als menschliche Arbeitskraft verdrängt zu werden. Dann lieber flexibel und entgrenzt arbeiten, wie es Arbeitgeber brauchen -  so für einige der Rückschluss.

Mit der Eröffnung der Ausstellung „August Spies“ versammelten wir als Kreisverband Göttingen bewusst ein Podium aus jungen Gewerkschaftsaktiven der IG Metall und IG BAU und den Ausstellungserstellern, der August-Spies-Gesellschaft und der 4-Stunden-Liga (Kassel). Wen wenn nicht die jungen Beschäftigten müssen wir hören, wenn es um Mitbestimmung von Arbeitszeit im Zeitalter Arbeit 4.0 geht. Uns ging es darum, die Anfänge der gewerkschaftlichen Arbeitszeitkämpfe den heutigen Herausforderungen gegenüberzustellen. Haben die 8-Stunden-Kämpfe in den USA, die Novemberrevolution und die Lehrlingsbewegung der 68-er nicht schon alles für uns geregelt? 

Christian Binar als ehrenamtlicher Ausstellungsmacher und Begründer der August-Spies-Gesellschaft (Kassel) zeigte Anfangs auf, wie vital die Amerikanische Arbeiter_innenbewegung zu Zeiten Spies war. Wenn wir die Errungenschaft des Betriebsverfassungsgesetzes heutzutage in Deutschland betrachten, wirkt es eher wie ein starres Korsett im Vergleich zu den lebendigen Arbeiter_innenorganisationen damals. Arbeitskämpfe aber auch kulturelle Feste, Arbeiter_innenbildungsvereine und Sportclubs machten die Bewegungen aus. An diese Traditionen will die 4-Stunden-Liga anknüpfen, nicht nur mit der für manche absurd klingenden Forderung nach einem 4-Stunden-Tag. Ralf Damitz (BR in Kassel) sieht in der damaligen Bewegung wichtige Vorbilder, die auch heute Gewerkschaften beleben könnten.

 

"Warum nicht das Maximale fordern, damit kokettieren, und schauen was Beschäftigte damit machen“ (Damitz)

So die Devise der 4-Stunden-Liga aus Kassel. Moderator der DGB-Jugend Tim Kessling stellte interessante Rechnungen  für die gegenwärtige Situation auf:

Auf der einen Seite enorme Zugewinne der DAX-Konzerne und ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt, und eine nahezu kaum verzeichnete Arbeitslosigkeit in Deutschland. Auf der anderen Seite hohe Langzeitarbeitslosigkeit, befristete Niedriglohnbeschäftigung, Unterbeschäftigung und eher bereinigte 4,5 Mio. Arbeitslose. 20 bezahlte gegenüber 23 unbezahlten Arbeitsstunden stellte Kollege Kessling gegenüber. In seiner Rechnung entstünden bei einer radikalen Arbeitszeitreduzierung auf 4 Stunden bei vollem Personal- und Lohnausgleich 2,3 Mio. neue Arbeitsplätze. Und diese wären dann arbeitgeberfinanziert.

Selbst für Junggewerkschafter_innen scheint diese enorme Arbeitszeitverkürzung unfassbar. Doch auch jetzt schon würden sich Beschäftigte im Baugewerbe für eine 6-Stunden-Regelung real einsetzen, so Daniel Teune von der Jungen BAU. Fachkräftesicherung und gesundheitlichen Problemen würde damit Sorge getragen werden. Denn ein 6-Stunden Tag wäre ein wichtiges Signal der körperlichen Entlastung in der belastenden Branche.

Für viele junge Beschäftigte und Studierende wäre dieses radikale Umdenken, wie es die 4-Stunden-Liga in Anlehnung an die Zeiten Spies´ fordert, noch in weiter Ferne, konstatierte Frauke Vermeulen von der IG Metall- Jugend. Flexibilität und Entgrenzung von Arbeitszeiten wird oft als Zugewinn von Freiheit wahrgenommen und nicht hinterfragt. Bereits letztes Jahr hat das Jugendbündnis zum 1.Mai in Göttingen aber ihre Beteiligung unter das Motto „Zeit für Widerstand gestellt“. Eine Schwerpunktsetzung also, die den Zeitfaktor und die Selbstbestimmung stark in den Mittelpunkt stellt. Das Motto erfährt auch dieses Jahr für die politischen Jugenden zum 1.Mai Bedeutung. Schade, dass wir nicht mehr von ihnen dazu an diesem Abend erfahren haben.

Wir hoffen mit der Ausstellung und weiteren Veranstaltungen die Diskussion hierzu anzuregen. Schön, dass wir auch Unterstützung von der neuen Regionalleiterin bei "Arbeit und Leben" in Göttingen, Petra Köster, erhalten haben. Es war ein herzlicher Empfang. Hier einige Eindrücke des Abends...


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

1.Mai 2018 in Südniedersachsen-Harz

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