Deutscher Gewerkschaftsbund

19.10.2020

Always on – 24/7

Wie sich unser Denken und Handeln durch digitale Kommunikation verändert

Hier ist die Zusammenfassung der virtuellen Diskussion, clickt Euch rein!

Keine Veranstaltung der Reihe dabei.digital.nachhaltig.sozial ist wie die andere. Aber diesmal standen wir mit der online-Diskussion über Plattform, über Bildschirm und mit viel Abstand doch in einem ganz anderen Raum: dem virtuellen.

Wie funktioniert Kommunikation und wie ändert sich unser Handeln, wenn wir dies im Netz betreiben? Bringt der technische Wandel ein Umdenken mit sich und fordert andere Entscheidungen von uns ab? Oder ist es vielmehr unser Bedürfnis nach optimierten, rasanten, räumlich entkoppelten Kommunikationstools- und Prozessen, die eine technische digitale Entwicklung vorantreibt? Wie fällen wir derzeit und künftig Entscheidungen gerade im betrieblichen Kontext: sind es Menschen oder die Maschinen/ Algorithmen?

In drei Diskussionsrunden mit den Gästen Ruben Heybowitz aus dem Göttinger IT-Unternehmen Arioneo GmbH, mit dem Fachanwalt für Arbeitsrecht Johannes Hentschel und dem Betriebsratvorsitzenden der Firma KWS aus Einbeck, Jürgen Bolduan sind wir den Veränderungen durch permanente Verfügbarkeit zur Kommunikation nachgegangen, den erfolgreichen Prozessen aber auch den Fallstricken.

Es sei zu beobachten, dass eine Kulturveränderung durch digitale Kommunikationsmöglichkeiten stattfände. Der Wunsch nach Effizienz, Transparenz, Kollaboration, Schnelligkeit ist zunehmend da. Im Weltunternehmen KWS stellt sich auch die Frage, welche Sprache zur Kommunikation gewählt wird, wenn doch 23 Nationen im Konzern vertreten sind.

Algorithmen wären in den hier vertretenen Unternehmen eher zur Verarbeitung von Big Data da, als zur Entscheidung über Personal. Insgesamt standen alle Teilnehmenden kritisch gegenüber dem Einsatz von Algorithmen an der Stelle gegenüber, wo sie über Menschen urteilen und entscheiden sollen. Ganz nach dem Credo der deutschen Sozioinformatikerin Prof. Katharina Zweig: „Ein Algorithmus hat eben kein Taktgefühl!“ Denn die künstliche Intelligenz irrt sich durchaus und ist nur so gut, wie der Programmiercode dahinter, den der Mensch geschaffen hat.

Rechtsanwalt Hentschel stellt gegenüber, dass der größte Fehler entsteht, wenn die Geschäftsführung gar kein Ziel vor Augen hat, weshalb ein bestimmtes Kommuniaktions-Tool eingeführt wird. Auf der anderen Seite, ist bei einer klaren Zielführung und dem Einbezug des geschulten Betriebsrates sehr schnell zu zufriedenstellenden Ergebnissen mit der Belegschaft gekommen. Die Rechtslage sei gut und nahezu ausreichend - was fehle seien Regelungen zum Einholen externen Know-hows zu Kommunikationstools.

Die Teilnehmenden haben den Faden sofort aufgegriffen, als es darum ging, die eigenen Erfahrungen mit der Kommunikation in der Coronazeit zu teilen. Dauernd auf Sendung zu sein wäre keine Freude und brenne uns eher aus. Kreativität und Entgrenzung standen ganz dich in der Wortwolke, die sich in der digitalen Meinungsumfrage bildete, beieinander. Hier bot Agilist Heybowitz ein paar ganz praktische Vorschläge ein: einfach mal Abschalten! Immer mal wieder am Tag Ton und Anwesenheit im Netz abschalten, um sich umso konzertierter wieder zu anderen Zeitpunkten einzuschalten. Das ist das moderne Kommunizieren und heilsames Arbeiten. Im Chat und in den Wortmeldungen wurde dies sehr positiv aufgenommen.

Schließlich waren wir sehr daran interessiert mit guten Vorschlägen und Visionen den Abend zu beenden, mit denen Unternehmen, Betriebs- und Personalräte sowie User digitaler Kommunikationstools ihren Gebrauch gestalten. Betriebsrat und Gewerkschaftsfunktionär der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, Jürgen Bolduan, pochte nicht nur auf das bestehende Recht, sondern auch erst recht auf eine Pflicht zu Weiterbildung von Beschäftigten. Die Belegschaften müssten ein originäres Interesse daran haben, die Agenda zu setzen und brauchen dafür das Know-How.

Ruven Heybowitz setze in seiner Idealvorstellung auf eine Veränderung von drei Säulen im Unternehmen: Auf die Entwicklung eines gemeinsamen Bewusstseins für Digitalität, auf die Ausstattung des Arbeitsplatzes mit sehr guten Tools, und nicht zuletzt auf die Kommunikationskultur, die komplexe Prozesse bedienen kann. So kann ausgewogene digitale Kommunikation klappen, ohne dass die User ausbrennen.

Auch Arbeitsrechtexperte Hentschel setze darauf, dass klare festgelegte Regeln alle Seiten schützen, potentielle Entgrenzung eindämmen und dem Datenschutz gerecht werden können. Und dazu ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einem gut informierten Betriebs- und Personalrat von Vorteil.

Unser Fazit also: wir müssen nicht immer auf Sendung sein, um gute Ergebnisse zu erzielen. Die Entgrenzung fördert nicht die Kreativität. Aber Agiles arbeiten ist die Arbeit der Zukunft, die auf digitaler Kommunikation beruht. Deswegen: weiterbilden, schulen, und noch einmal weiterbilden! Und die Zügel der Kommunikationstools in der Hand behalten. Danke an alle die dabei. digital waren!

 

 

 

10. November 2020 im Online-Format 18:30 Uhr

Anmeldung unter: goettingen@dgb.de

Nach der Anmeldung erhalten Sie/ erhaltet Ihr den Zugang zur Online-Plattform der Veranstaltung beim gewerkschaftlichen Bildungsträger Arbeit und Leben

Benötigt werden ein internetfähiges Endgerät, ein Smartphone, (optional) eine Kamerafunktion

Die Veranstaltung wird gestreamt und auch aufgezeichnet. Wir bitten um Gestattung der Aufnahmen nach den Datenschutzrichtlinien. Das Formular im dowload 

 

 

Online-Diskussionsveranstaltung mit

Jürgen Bolduan, Betriebsratsvorsitzender des Saatgutunternehmens KWS, Einbeck

Johannes Hentschel, Anwalt für Arbeitsrecht, Göttingen

Ruven Heybowitz, Chief Transformation Officer beim IT-UNternehmen Arineo GmbH, Göttingen

Moderation: Agnieszka Zimowska, DGB/ Dr. Petra Köster, Arbeit und Leben Niedersachsen

Mit der digitalen Transformation ziehen neue Kommunikationsweisen, Entscheidungsprozesse und ein neues Miteinander in unseren Alltag ein. Das haben insbesondere die letzten Monate der Pandemie zahlreich aufgezeigt. Familientreffen online, Schule online, Teambesprechungen online... die Liste ist lang. Wussten Sie/ wusstet Ihr schon, dass dabei Algorithmen mächtige Systeme sind, die großen Einfluss auf die Teilhabechancen vieler Menschen haben? – und das nicht nur bei der Bewerberauswahl für eine Stellenbesetzung. Sie werfen die dringende Frage auf, in welcher Gesellschaft wir leben wollen: Müssen wir alle Daten sammeln und alles wissen, weil es irgendwann einmal nützlich sein kann, oder müssen wir neue Grenzen setzen? Wie können sich Betriebs- und Personalräte die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit Algorithmen verschaffen und für faire und stärkende Bedingungen für Beschäftigte sorgen? Und was passiert mit uns, wenn wir uns Entlastung durch komplexe Computerprogramme verschaffen, aber dabei die Fähigkeiten zum Kopfrechnen, zum Einschätzen von Entfernungen oder zum Merken von Zahlenkombinationen verlernen? Droht aus Forschungssicht eine digitale Demenz der Generation „Social Media“? Wie redet diese Generation miteinander und wo verlernen wir derzeit die direkte Kommunikation? 

Gemeinsam mit unserer Experten aus wegweisenden Unternehmen, Arbeitnehmer*innenvertretung und Arbeitsrecht wollen mit Euch/Ihnen eine Standortbestimmung vornehmen: irgendwo zwischen „immer auf Sendung“, den unendlichen und permanenten Möglichkeiten der Kommunikation und der digitalen Einsamkeit.

Anmeldung unter goettingen@dgb.de


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